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Woher der Wahlerfolg der AfD kommt, und was daraus folgt

Ein Gespräch über Ostdeutschland, das Verhältnis zu den Institutionen und die Belastbarkeit der Demokratie

Politik und Öffentlichkeit · September 2026

Ein Gespräch, geführt am 8. September 2026, zwei Tage nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Die Fragen stammen von mir, die Antworten von Claude, einem KI-Assistenten. Ich habe beides gekürzt und geglättet, inhaltlich aber nichts verändert. Die Zahlen sind am Ende belegt.

Gibt es tiefere Hintergründe für den Wahlerfolg der AfD?

Der Anlass zuerst. Die AfD kam in Sachsen-Anhalt auf 43,8 Prozent, ihr höchstes Landtagswahlergebnis überhaupt, bei einer Rekordbeteiligung von 77,8 Prozent, während die CDU ihren Anteil etwa halbierte. Rund 170'000 Stimmen und damit etwa 30 Prozent des AfD-Ergebnisses kamen von Menschen, die vorher nicht gewählt hatten. Es sind also nicht nur Stimmen zwischen Parteien gewandert, sondern Leute an die Urne gekommen, die vorher zuhause geblieben waren.

In der Forschung werden vier Erklärungsstränge diskutiert, die sich nicht ausschliessen. Der erste ist die Erfahrung der Nachwendezeit, also Deindustrialisierung, Abwanderung der Jüngeren und Qualifizierten, ein weitgehender Austausch der Eliten und das Gefühl, dass die eigene Lebensleistung nicht anerkannt wurde. Das erklärt, warum ostdeutsche Wähler schwächer an Parteien gebunden und deshalb beweglicher sind. Der zweite betrifft die Gegenwart, also die Sorge, dass mit Energiewende und Industriekrise ein zweiter Umbruch bevorsteht, der wieder auf dem Rücken derselben Regionen ausgetragen wird. Der Anteil derer, die ihr Land für gut auf die Zukunft vorbereitet halten, fiel von 41 Prozent im Jahr 2021 auf 28 Prozent. Der dritte ist die Migrationsfrage, die weniger als Verwaltungsproblem und mehr als Frage darüber wirkt, wer über die Zusammensetzung des eigenen Gemeinwesens bestimmt, verbunden mit dem Erleben ausgedünnter Infrastruktur, also Dörfern ohne Arzt und ohne Laden. Der vierte ist ein Vertrauensverlust in die Institutionen. Ende Juli 2026 waren 54 Prozent der Deutschen mit dem Funktionieren der Demokratie unzufrieden, im Osten 64 Prozent.

Umstritten ist, wie diese Stränge zusammenwirken. Eine Lesart betont die materielle Lage und erwartet, dass bessere Aussichten die Zustimmung wieder senken. Eine andere hält die kulturelle Dimension für den Kern und verweist darauf, dass die AfD auch in wohlhabenden Gegenden und inzwischen deutlich im Westen zulegt. Beide Seiten haben belastbare Daten für sich.

Wie kann eine Partei, die nie in Regierungsverantwortung stand, höhere Kompetenz zugeordnet bekommen?

Kompetenzzuschreibung in Umfragen misst kein nachgewiesenes Können, sondern das Zutrauen, dass eine Partei ein Problem anpackt und die richtigen Prioritäten setzt. Wer regiert, hat eine Bilanz, an der man ihn messen kann, und diese Bilanz fällt nach fünf Jahren fast immer ernüchternd aus. Wer nie regiert hat, wird an einer Vorstellung gemessen, und Vorstellungen verlieren keine Vergleiche. Die Zuschreibung ist damit weniger ein Urteil über die Partei als eines über die Amtsinhaber.

Zwei Thesen dazu. Erstens: Politiker erfassen Phantasien, Ängste und Unzufriedenheit und formulieren entsprechende Programme, mit dem einzigen Ziel, zu Macht und eventuell Reichtum zu kommen. Zweitens: Das faschistische Weltbild des Dritten Reichs ist in Ostdeutschland lebendig geblieben, mit der Vorliebe für starke, eindeutige Führung und der Ablehnung des Fremden.

Zur ersten These. Die Angebotsseite ist gut belegt, denn die AfD hat ihr Programm seit 2013 zweimal grundlegend gewechselt, von der Euro-Frage über die Migration zur Identitätsfrage, und jedes Mal in Richtung der grösseren verfügbaren Unzufriedenheit. Schwächer ist die Annahme über die Motive, weil der Kurs die Partei Geld, Ansehen und Koalitionsfähigkeit gekostet hat und ein Teil des Personals berufliche Karrieren aufgab, was für reine Nutzenmaximierung ein schlechter Weg wäre. Ausserdem lässt sich Opportunismus empirisch kaum von Responsivität unterscheiden, weil beides von aussen gleich aussieht, und dieselbe Unterstellung liesse sich gegen jede Partei richten. Der starke Kern Ihrer These liegt darin, dass die AfD ein Bedürfnis bewirtschaftet, das sie nicht erzeugt hat, weshalb sie das Angebot mehrfach umbauen konnte, ohne Wähler zu verlieren.

Zur zweiten These spricht, dass der Antifaschismus in der DDR verordnete Staatsdoktrin war und die private Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte weitgehend ersetzt hat, dass die Erziehung auf Unterordnung angelegt war und dass die rechte Gewalt der neunziger Jahre im Osten eine Breite hatte, die lange kleingeredet wurde. Dagegen sprechen die Einstellungsdaten. In der Leipziger Autoritarismus-Studie 2024 liegt der Anteil mit geschlossen rechtsextremem Weltbild in Ost und West gleich hoch bei 4,5 Prozent, und die Zustimmung zu ausländerfeindlichen Aussagen ist zuletzt vor allem im Westen gestiegen. Die Forscher beobachten, dass Elemente einer Neo-NS-Ideologie seltener geworden sind, während Ressentiments gegen als fremd Empfundene zugenommen haben. Eine Kontinuitätsthese hat zudem ein Zeitproblem, denn wenn das Weltbild seit 1945 durchgehend lebendig gewesen wäre, müsste man erklären, warum es 1994 keine 44 Prozent gab.

Als ostdeutsche Besonderheit weisen die Daten stattdessen das Verhältnis zu den Institutionen aus. 2024 hielten im Westen 45,5 Prozent die Demokratie in der Praxis für funktionsfähig, im Osten nur 29,7 Prozent, nach 53,5 Prozent zwei Jahre zuvor. Harmlos ist die Wählerschaft damit nicht, denn dieselbe Studie findet bei rund 57 Prozent der AfD-Wähler ein geschlossen rechtsextremes Weltbild, und der Landesverband Sachsen-Anhalt gilt dem Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch. Beide Thesen greifen also einen realen Teil, verlegen ihn aber an die falsche Stelle.

Warum im Osten schneller?

Am wichtigsten dürfte die schwache Verankerung der Parteien sein. Im Westen sind Menschen über Jahrzehnte in Milieus hineingewachsen, in denen Gewerkschaft, Kirche und Ortsverein eine Vorprägung lieferten, die auch bei Unzufriedenheit noch hält. Im Osten fehlt diese Schicht, die Mitgliederzahlen sind pro Kopf ein Bruchteil der westdeutschen, und entsprechend wandern Stimmen in grösseren Blöcken.

Dazu kommt die Erfahrung der neunziger Jahre, die nicht nur Einkommen kostete, sondern die Einsicht hinterliess, dass Verhältnisse innerhalb weniger Jahre kippen können und die Betroffenen darauf keinen Einfluss haben. Wer das erlebt hat, deutet neue Umbrüche anders als jemand, dessen Lebensweg seit 1970 planbar war. Verstärkt wird das dadurch, dass Führungspositionen in Justiz, Verwaltung und Wirtschaft bis heute überwiegend von Westdeutschen besetzt sind. Räumlich zugespitzt hat es die Abwanderung, weil aus den ländlichen Kreisen überproportional junge und qualifizierte Menschen fortgingen, besonders Frauen, während Arztpraxen, Läden und Schulen verschwanden. In vielen dieser Kreise ist die AfD heute die einzige Partei mit jungem Personal und Präsenz bei örtlichen Anlässen.

Unterschätzt wird schliesslich die rechte Gewaltwelle der neunziger Jahre, die von Politik und Polizei lange verharmlost wurde. Sie hat in manchen Gegenden linke und liberale Jugendliche vertrieben und eine lokale Deutungshoheit geschaffen, die nie ernsthaft angefochten wurde. Das ist keine Weitergabe aus der NS-Zeit, aber eine Vorgeschichte von rund dreissig Jahren.

Woher stammt der hohe Anteil geschlossen rechtsextremer Weltbilder?

Zuerst eine Einschränkung zur Zahl. Wenn 4,5 Prozent der Gesamtbevölkerung dieses Muster zeigen, zugleich rund 57 Prozent der AfD-Wähler und die AfD damals bei etwa 20 Prozent lag, käme man rechnerisch auf über zehn Prozent. Die Werte lassen sich nur zusammenbringen, wenn man die kleine Teilstichprobe berücksichtigt und dass Menschen mit solchen Einstellungen bei Befragungen häufiger aussteigen. Die Richtung des Befundes ist über mehrere Studien stabil, der genaue Wert nicht.

Zur Herkunft wirken vier Mechanismen zusammen. Das Einstellungspotenzial ist älter als die AfD und lag vorher verteilt über alle Parteien und über die Nichtwähler, weil es keine wählbare Adresse gab; mit der AfD entstand erstmals ein Angebot, das anschlussfähig genug war, um es einzusammeln. Zweitens übernehmen Menschen Positionen von der Partei, der sie sich zugehörig fühlen, sodass ein Teil der Wählerschaft über Jahre in Haltungen hineingewachsen ist, die sie beim ersten Kreuz noch nicht vertreten hätte. Drittens hat die AfD mehrfach ihren gemässigten Teil verloren, zuletzt an das BSW, weshalb die Bleibenden im Durchschnitt fester eingestellt sind. Viertens kostet es dort, wo eine Haltung lokal zur Mehrheit wird, nichts mehr, sie zu äussern, und in Befragungen steigt der gemessene Wert schon dann, wenn die Bereitschaft zur offenen Antwort steigt.

Wichtig ist zudem, woraus der Index besteht. Er umfasst sechs Dimensionen und wird fast durchgehend von Ausländerfeindlichkeit und Chauvinismus getragen, während Verharmlosung des Nationalsozialismus und Antisemitismus deutlich seltener zustimmungsfähig sind.

Wie gefährlich ist die AfD wirklich?

Wenig strittig ist der Befund der Verfassungsschutzämter. Mehrere Landesverbände gelten als gesichert rechtsextremistisch, seit Mai 2025 auch die Bundespartei, wobei diese Einstufung wegen des laufenden Verfahrens vorerst nicht öffentlich verwendet wird.

Wer die Gefahr hoch einschätzt, verweist darauf, dass Demokratien in den letzten dreissig Jahren fast nie durch Putsche endeten, sondern schrittweise durch gewählte Regierungen ausgehöhlt wurden, in Ungarn, in Polen zwischen 2015 und 2023, in der Türkei. Die dafür nötigen Schritte sind einzeln legal, also Postenbesetzung, Verfahrensregeln, Personalpolitik in Verwaltung und Justiz. Wer sie niedriger einschätzt, verweist auf Föderalismus, Zweidrittelmehrheiten und die Erfahrung, dass Regierungsbeteiligung radikale Parteien schon geschwächt hat.

Gegen das zweite Argument spricht die Landesebene, denn ein Ministerpräsident ernennt Behördenleitungen, bestimmt Lehrpläne und Polizeiführung und beeinflusst die Besetzung von Richterstellen. Unabhängig davon gilt ein weiterer Befund: Politisch motivierte Gewalt von rechts liegt seit Jahren hoch, Kommunalpolitiker in ostdeutschen Landkreisen berichten von Bedrohungen, und der Kreis derer, die sich für ein Amt zur Verfügung stellen, ist spürbar kleiner geworden. Diese Wirkung tritt ein, ohne dass eine Wahl gewonnen werden muss.

Wie stabil ist die Bundesrepublik, und können einzelne Länder sie gefährden?

Robust ist die Verfassungsebene, weil Änderungen Zweidrittelmehrheiten in Bundestag und Bundesrat brauchen und die Artikel 1 und 20 der Änderung ganz entzogen sind. Seit Juli 2024 stehen zudem Zusammensetzung und Amtszeit des Bundesverfassungsgerichts im Grundgesetz, damit eine einfache Mehrheit sie nicht mehr ändern kann. Das war eine bewusste Reaktion auf die polnische Erfahrung.

Verwundbar ist die Ebene darunter. Ein einzelnes Land kann den Bund nicht umbauen, aber blockieren, weil Länder im Bundesrat geschlossen abstimmen und uneinige Koalitionen sich enthalten müssen, was wie eine Nein-Stimme wirkt. Dazu kommen die Aufgaben, die allein bei den Ländern liegen, also Polizei, Justizverwaltung, Schulen, Verfassungsschutz und Rundfunkaufsicht. Mehrere Landesverfassungen sind zudem leichter zu ändern als das Grundgesetz, und die Zweidrittelmehrheit bei der Wahl von Landesverfassungsrichtern erlaubt es einer grossen Fraktion, Nachbesetzungen zu verhindern und ein Gericht über Jahre unbesetzt zu lassen. Beschädigen lässt sich also auch aus der Opposition heraus.

Klingt das nicht so, als sei ein Durchmarsch nicht möglich?

Für einen Machtwechsel ausserhalb der verfassungsmässigen Wege fehlen derzeit die Voraussetzungen. Ein solcher Bruch braucht Teile des Sicherheitsapparats, die mitmachen oder wegsehen, eine Krise, die den bestehenden Zustand unerträglich macht, und eine Organisation, die den Moment nutzen kann. Es hat in Bundeswehr und Polizei mehrere Fälle rechtsextremer Netzwerke gegeben, das KSK wurde 2020 deswegen teilweise aufgelöst, und die Reuss-Gruppe von 2022 hatte Angehörige der Bundeswehr in ihren Reihen. Diese Fälle zeigen, dass es solche Vorstellungen gibt, und zugleich, wie weit die Wirklichkeit von einer Umsetzung entfernt war. Die AfD verfolgt zudem eine Strategie, die auf Wahlen setzt, weil diese Strategie für sie funktioniert.

Der schnelle Bruch ist damit unwahrscheinlich, der langsame Weg bleibt offen, und er hängt weniger von Verfassungstexten ab als vom Verhalten derer, die die Institutionen tragen.

Wo hat die deutsche Politik in den letzten fünfzehn Jahren schlechte Ergebnisse erzielt?

Gemessen an den eigenen Zielen vor allem hier. Bei der Digitalisierung der Verwaltung wurde von 575 vorgesehenen Leistungen bis Ende 2022 ein kleiner Bruchteil erreicht. Die öffentlichen Nettoinvestitionen lagen über Jahre nahe null, weshalb Brücken gesperrt sind und die Sanierung nun mehr kostet als der frühere Erhalt. In der Migrationsverwaltung besteht seit 2015 eine dauerhafte Lücke zwischen Rechtslage und Vollzug, wobei ein erheblicher Teil davon europarechtlich bedingt und national nicht auflösbar ist, was aber selten so gesagt wurde. Der gleichzeitige Ausstieg aus Kernkraft und Kohle bei fortdauernder Abhängigkeit von russischem Gas war eine Wette auf ein Umfeld, das 2022 wegfiel, und der Netzausbau blieb hinter dem Zubau zurück. Die PISA-Ergebnisse 2022 waren die schlechtesten seit Beginn der Teilnahme. Die NSU-Morde blieben über ein Jahrzehnt unaufgeklärt, während sich die Ermittlungen auf das Umfeld der Opfer richteten. Bei Wirecard ermittelte die Aufsicht gegen Journalisten statt gegen das Unternehmen, die Cum-Ex-Geschäfte beruhten auf einer über Jahre bekannten Lücke, und die Bundeswehr war 2022 in einem Zustand, der jahrelang intern beschrieben und öffentlich hingenommen worden war.

Ein Muster zieht sich durch mehrere Felder, nämlich die Neigung, Aufgaben mit langem Zeithorizont in Wahlperioden zu verhandeln und dabei den Erhalt bestehender Systeme gegenüber sichtbaren Neuvorhaben zurückzustellen. Dagegen steht, dass Deutschland im selben Zeitraum Finanzkrise, Eurokrise, Pandemie und den Wegfall seiner Energiebasis ohne institutionellen Zusammenbruch bewältigt hat.

Ist das Wählerverhalten dann sachlich berechtigt, oder zeigt sich darin eine Überforderung der demokratischen Basis?

Der negative Teil des Urteils ist weitgehend berechtigt, denn wer nach fünfzehn Jahren mit diesen Ergebnissen den Regierenden das Vertrauen entzieht, tut genau das, wofür Wahlen da sind. Weniger gedeckt ist der positive Teil, weil das Programm der Partei die diagnostizierten Probleme in wichtigen Punkten verschärfen würde, etwa den Euro-Austritt bei einer Exportwirtschaft, den Rückbau der Windenergie in einer der wenigen Investitionsbranchen des Landes und den Abbau von Zuwanderung in einer Region, deren Arbeitskräftebedarf demografisch nicht aus eigener Kraft zu decken ist.

Der Überforderungsthese würde ich vorsichtiger folgen. Sie ist so alt wie die Demokratie, war in jedem Jahrhundert im Umlauf und hat sich bisher nicht bestätigt. Sie ist schwer prüfbar, weil sich Überforderung von Enttäuschung kaum trennen lässt. Und sie verlagert das Problem auf eine Seite, die daran nichts ändern kann, während die andere sie als Bestätigung lesen kann, dass an ihrer Politik nichts falsch war. Belegen lässt sich stattdessen eine Verschiebung der Anforderungen, weil Entscheidungen stärker von Zusammenhängen abhängen, die weder sichtbar noch schnell überprüfbar sind, während die Rückmeldung weiterhin über eine Stimme alle vier oder fünf Jahre läuft. Zugleich ist die Zwischenschicht zerfallen, über die Parteien, Gewerkschaften, Kirchen und Redaktionen komplizierte Sachverhalte früher in übernehmbare Deutungen übersetzt haben.

Wo liegt die Zukunft der Demokratie, wenn die Steuerungsmöglichkeiten abnehmen?

Die Steuerungsmöglichkeiten haben sich eher verlagert als verringert. Staaten können mehr wissen und schneller Geld bewegen als je zuvor, was 2008 und 2020 sichtbar wurde. Verloren ging die Kontrolle über Grössen, die sich der Territorialität entziehen, also Kapitalflüsse, Lieferketten, Klimafolgen, digitale Öffentlichkeit und die Marktmacht weniger Konzerne. Die Verantwortung bleibt dort zurechenbar, wo abgestimmt wird, während die Wirkung woanders entsteht.

Drei Antworten stehen zur Debatte. Grössere Einheiten entsprechen den entkommenen Grössen an Reichweite, wie die Mindestbesteuerung für Konzerne zeigt, entfernen die Entscheidungen aber weiter von den Betroffenen. Rückverlagerung in Kommunen und Regionen erhöht die erlebte Wirksamkeit und schiebt die grossen Fragen in Zuständigkeiten, die sie nicht lösen können. Die dritte setzt bei den Erwartungen an und geht davon aus, dass Demokratien überleben, wenn sie ihre Grenzen offen benennen und Zumutungen als gerecht verteilt erlebt werden, wogegen der ernste Einwand steht, dass im Wahlkampf verliert, wer sagt, was nicht geht.

Der globale Befund ist gemischter als oft angenommen. Der Anteil der Menschen in Autokratien hat sich nach den Zählungen von V-Dem und Freedom House auf ein Niveau der frühen neunziger Jahre bewegt, wobei ein grosser Teil auf wenige grosse Länder zurückgeht, und zugleich gab es Rückkehrbewegungen in Polen, Brasilien und Sri Lanka. Was die Fälle unterscheidet, ist nach der vergleichenden Forschung weniger die Wirtschaftslage als die Frage, ob es organisierte Träger gibt, die einen Machtwechsel tragen können.

Stolpert die Demokratie also über die eigenen Füsse?

Die These vom eingebauten Selbstwiderspruch ist alt und hat gute Gründe für sich, weil Wahlen kurze Fristen belohnen, ehrliche Auskunft über Grenzen im Wettbewerb ein Nachteil ist und die Handlungsfähigkeit teilweise ausserhalb der Ebene liegt, auf der abgestimmt wird.

Dagegen steht dreierlei. Dieselbe Prognose wurde 1930 gestellt, in den fünfziger Jahren, in den siebziger Jahren mit dem Bericht über die Regierbarkeit der Demokratien und in den achtziger Jahren mit Japan als Gegenbeispiel, und sie war jedes Mal plausibel und jedes Mal an denselben Stellen falsch. Autoritäre Systeme haben dieselben Probleme in schärferer Form, weil ihnen der Mechanismus zur Korrektur fehlt und sie kein geordnetes Verfahren für den Machtwechsel haben. Und der Vorgang ist umkehrbar, wie Polen 2023 auf demselben Weg gezeigt hat, auf dem der Umbau lief.

Genauer beschrieben stolpern Demokratien regelmässig, und einige stehen danach nicht wieder auf. Das hängt weniger an der Bauweise als daran, ob es beim Sturz noch Institutionen und Gruppen gibt, die genug eigenes Gewicht haben, um ihn abzufangen.

Was braucht die Bundesrepublik, um ihre Demokratie zu sichern?

Ein Programm erzeugt den Anschein von Vollständigkeit, den die Sache nicht hergibt. Nach Fristen geordnet sieht es so aus.

Kurzfristig, und mit Ablaufdatum, geht es darum, die Länder auf dieselbe Höhe zu bringen wie den Bund. Zusammensetzung, Amtszeit und Nachbesetzung der Landesverfassungsgerichte gehören in die Landesverfassungen, mit einem Ersatzverfahren für den Fall, dass eine Sperrminorität die Wahl blockiert, und dasselbe gilt für Rechnungshöfe, Datenschutzaufsicht und die Gremien der Rundfunkanstalten. Die Besetzung von Behördenleitungen sollte an nachprüfbare Verfahren gebunden sein statt an politische Absprachen. Diese Änderungen kosten fast nichts und sind nur so lange möglich, wie die dafür nötigen Mehrheiten bestehen.

Mittelfristig geht es um die Funktionsfähigkeit des Staates in seinen Alltagsaufgaben, also um Personal in Ämtern, Gerichten und Schulen, gemeinsame technische Standards statt sechzehn Einzellösungen, eingehaltene Fristen bei Genehmigungen, Erhalt vor Neubau bei der Infrastruktur und eine kommunale Finanzierung, die nicht bei jeder Konjunkturdelle wegbricht. Hier liegt der grösste Teil der verlorenen Zustimmung, und hier ist der Weg zurück am längsten. Dazu gehört eine andere Art der politischen Rede, die Vorhaben mit Zeithorizont und Kosten benennt und offenlegt, was auf europäischer Ebene entschieden wird und in Berlin nicht verfügbar ist. Diesen Punkt halte ich für den am wenigsten umsetzbaren, weil derjenige, der so redet, im Wahlkampf gegen jemanden antritt, der es nicht tut.

Langfristig geht es um die Trägerschichten, also um Medien mit einer Finanzierung, die nicht von einzelnen Eigentümern abhängt, um Verbände und Gewerkschaften mit Mitgliedern, Vereine mit Nachwuchs und Parteien mit Auswahlverfahren, die nicht zwanzig Jahre Ochsentour voraussetzen. Der letzte Punkt wiegt schwerer, als er klingt, weil ein erstarrtes Parteiensystem zwar keine autoritären Bewegungen erzeugt, aber darüber entscheidet, wer die Unzufriedenheit abschöpft, sobald sie entsteht. Für Kommunalpolitiker in gefährdeten Regionen gehören Schutz und Entlastung dazu, weil sonst niemand mehr kandidiert.

Zwei Einwände gegen dieses Programm sind ernst zu nehmen. Es setzt dieselben Akteure voraus, deren Versäumnisse es beheben soll, und es enthält keinen Mechanismus, der sie dazu bringt. Und es sagt nichts über Migration, obwohl das in Befragungen das stärkste Einzelthema ist, weil dort kein Konsens über die Richtung besteht und weil die naheliegende Lehre aus einer Niederlage selten die richtige ist, wie die bisherigen Übernahmen rechter Positionen durch die etablierten Parteien gezeigt haben. Unabhängig von der inhaltlichen Position lässt sich immerhin sagen, dass die Lücke zwischen geltendem Recht und tatsächlichem Vollzug geschlossen werden muss, weil sie Vertrauen kostet.

Also kurz gefasst?

Es braucht einen besseren Schutz der kritischen Institutionen, verlässlichere staatliche Leistungen bei ehrlicher Auskunft über das Machbare, und eine Zivilgesellschaft, die bereit ist, dafür einzustehen. Bei den staatlichen Leistungen ist vieles eine Frage von Organisation und nicht von zusätzlichem Geld, bei Brücken, Schulgebäuden und Netzausbau liegt der Rückstand allerdings darin, dass jahrelang zu wenig ausgegeben wurde, weshalb es dort weniger neue Aufgaben und mehr Mittel für die vorhandenen braucht. Die Ehrlichkeit über Grenzen ist kein eigenes Handlungsfeld, sondern die Bedingung dafür, dass die anderen Punkte wirken, weil sonst auch eine bessere Verwaltung neue Enttäuschung erzeugt, sobald die Erwartung schneller wächst als die Leistung.

Quellen der genannten Zahlen

  • Wahlergebnis, Beteiligung, Nichtwählermobilisierung und Zukunftserwartung: Wahlanalyse der Konrad-Adenauer-Stiftung zur Landtagswahl Sachsen-Anhalt vom 6. September 2026; Wählerwanderung von Infratest dimap; Wahlmotive nach Forschungsgruppe Wahlen.
  • Demokratiezufriedenheit Juli 2026: Politbarometer der Forschungsgruppe Wahlen.
  • Rechtsextreme Einstellungen, Ausländerfeindlichkeit, Demokratiezufriedenheit Ost und West: Leipziger Autoritarismus-Studie 2024 («Vereint im Ressentiment»), Decker, Kiess, Heller, Brähler, Universität Leipzig.
  • Einstufungen der AfD: Verfassungsschutzbehörden des Bundes und der Länder.

Fragen, Auswahl und Redaktion: Georg O. Herriger, 2026. Die Antworten stammen von Claude (Anthropic). Zitat mit Quellenangabe erwünscht.