Der erste globale Plünderungspräsident
Eine systemische Deutung
Trump plündert mehr als einzelne Ressourcen. Er verbraucht auch die Voraussetzungen, von denen Wirtschaft und Gesellschaft leben, also Natur, Vertrauen, Wissen, funktionierende Behörden und die Verlässlichkeit zwischen Staaten. Leopold II. war in seiner Herrschaft über den Kongo ungleich grausamer, aber er plünderte ein einzelnes Land. Trump zehrt an den weltweiten Grundlagen, die es braucht, um die politischen und ökologischen Krisen unserer Zeit überhaupt bewältigen zu können, und in diesem Sinn ist er der grösste Plünderer, der je an der Spitze eines Staates stand.
Die These
Donald Trump ist die Hauptfigur eines Raubbaukapitalismus, den er nicht erfunden hat, den er aber verkörpert und beschleunigt wie niemand vor ihm. Die Logik dieses Kapitalismus besteht darin, heute möglichst viel herauszuholen, indem man Bestände aufzehrt, die über lange Zeit aufgebaut wurden, ohne sich darum zu kümmern, ob sie wieder nachwachsen.
Raubbau meint hier mehr als die Ausbeutung von Boden, Wasser und Rohstoffen. Auch das Vertrauen der Bürger, das Können einer Verwaltung, gesichertes Wissen und verlässliche Bündnisse sind Bestände, die eine Gesellschaft nutzen, aber nicht auf Knopfdruck neu herstellen kann. Werden sie für kurzfristige Macht und schnellen Gewinn verbraucht, so ist das ebenso Raubbau wie ein abgeholzter Wald.
1. Bestand wird zu Beute
Ein Fischer, der Jahr für Jahr mehr fängt, als nachwächst, hat einige gute Jahre und danach leere Netze. So erging es den Kabeljaufischern vor Neufundland, deren Bestände Anfang der 1990er Jahre zusammenbrachen und sich bis heute nicht erholt haben. Eine Wirtschaft lebt von viel mehr als von Fisch und Geld. Sie braucht eine intakte Natur, Menschen, die einander vertrauen, Behörden, die funktionieren, und Staaten, die sich an Abmachungen halten. Nichts davon steht in einer Bilanz, und deshalb lassen sich die Kosten seines Verbrauchs so leicht auf andere abwälzen, auf Nachbarländer, auf Menschen ohne Einfluss oder auf die nächste Generation.
Im Raubbaukapitalismus konkurrieren Unternehmen und Staaten nicht mehr bloss innerhalb der Regeln. Die Regeln selbst, die Schutzvorkehrungen und das Gemeingut werden zu Ressourcen, die man ausbeuten kann. Widerstand gilt als Hindernis, und was keinem Eigentümer gehört, der sich wehren kann, wird zur freien Beute.
2. Das unternehmerische Grundmuster
Bekannt geworden ist Trump als Unternehmer nicht durch den geduldigen Aufbau von Fabriken. Er hat seinen Namen zu Geld gemacht, mit viel geliehenem Geld gearbeitet und die Risiken konsequent anderen überlassen. Mehrere seiner Firmen gingen in Konkurs, darunter seine Casinos in Atlantic City, doch sein Name, seine Bekanntheit und seine Verhandlungsmacht haben jeden dieser Zusammenbrüche überstanden, während Gläubiger, Handwerker und Aktionäre den Schaden trugen.
Dieses Muster reicht weit über Trump hinaus. Die Gewinne bleiben beim Unternehmer, Risiken und Folgekosten landen bei der Allgemeinheit, und er entnimmt einem System Wert, ohne im gleichen Mass für dessen Erhalt und für die angerichteten Schäden geradezustehen.
3. Das Geschäftsmodell wird zum Staatsmodell
Als Präsident überträgt Trump diese Denkweise auf den Staat. Die Verwaltung ist für ihn vor allem ein Kostenblock, Vorschriften sind eine Bremse, und unabhängige Behörden betrachtet er als Frage der Loyalität. In seiner ersten Amtswoche entliess er gut ein Dutzend interne Kontrolleure der Ministerien, deren Aufgabe es ist, der Regierung auf die Finger zu schauen. Im ersten Amtsjahr verloren Hunderttausende Bundesangestellte ihre Stelle oder wurden zum Gehen gedrängt, und die Entwicklungsbehörde USAID wurde fast ganz aufgelöst. So lassen sich Widerstände rasch brechen und Entscheide beschleunigen, doch auf längere Sicht verliert der Staat seine Fachleute, die Kontrollen werden schwächer, und schwierige Aufgaben kann er nicht mehr zuverlässig erfüllen.
Die Leistungsfähigkeit eines Staates ist über Generationen gewachsen. Trump verbraucht sie, um seine eigene Macht zu bündeln, und während sich die Einsparungen, die er vorzeigt, leicht zählen lassen, wird der Verlust an Können erst sichtbar, wenn eine Krise kommt.
4. Natur als Vorrat für die Machtpolitik
Am deutlichsten zeigt sich das Prinzip in der Energie- und Umweltpolitik. Öl, Gas, Land und gelockerte Vorschriften dienen als Mittel, um wirtschaftlich und politisch zu dominieren, und die Folgen für das Klima, für die Ökosysteme und für kommende Generationen treten hinter den schnellen Zugriff zurück. Trump trat erneut aus dem Pariser Klimaabkommen aus, öffnete Schutzgebiete in Alaska wieder für Bohrungen und stoppte den Bau eines fast fertigen Windparks vor der Küste von Rhode Island, bis ein Gericht den Stopp einen Monat später aufhob.
Das Schlagwort der «energy dominance» sagt das offen. Es geht darum, die Rohstoffe und die Machtposition, die man heute hat, so weit wie möglich auszunutzen, und von einem gemeinsamen Umbau hin zu erneuerbaren Kreisläufen ist dabei keine Rede mehr, weil die Natur als Lager gilt, aus dem man holt, was Macht bringt. Wie weit diese Sicht reicht, zeigt Grönland, das Trump unter amerikanische Kontrolle bringen will, obwohl es zu Dänemark und damit zu einem Nato-Partner gehört, und bei dem in Washington offen über die Rohstoffe unter dem Eis gesprochen wird.
5. Vertrauen, Wissen und Wahrheit
Demokratien leben von einem Vermögen, das man nicht sieht. Die Bürger vertrauen darauf, dass Wahlen gelten, dass Gerichte keiner Partei gehören, dass sich Tatsachen überprüfen lassen und dass auch politische Gegner zur Gemeinschaft gehören. Erst dieses Vertrauen macht es möglich, Konflikte ohne Gewalt auszutragen.
Trump spaltet, überschreitet ständig Grenzen und behandelt Tatsachen so, wie sie ihm gerade nützen. Als im Sommer 2025 schwache Zahlen zum Arbeitsmarkt erschienen, entliess er die Chefin des Statistikamts, das sie veröffentlicht hatte. Das bringt ihm Aufmerksamkeit und treue Anhänger, aber es verbraucht das Vertrauen, das ein Land später braucht, um eine gemeinsame Krise zu bewältigen, und die mühsame Wiederherstellung überlässt er denen, die nach ihm kommen.
6. Von der Partnerschaft zur Erpressung
Bündnisse, Zölle, Sicherheitsgarantien und internationale Organisationen beurteilt Trump fast nur danach, welchen sofort bezifferbaren Vorteil sie den USA und oft auch ihm selbst bringen. Beziehungen, die auf jahrzehntelanger Zusammenarbeit beruhen, baut er zu einer Folge einzelner Geschäfte um, in denen Druck mehr zählt als Vertrauen.
Damit lassen sich kurzfristig Zugeständnisse erzwingen, und manche Partner geben tatsächlich nach. Zugleich verbraucht diese Politik die Berechenbarkeit und die Bündnistreue, die über Jahrzehnte gewachsen sind, und wo ein Partner abhängig ist, sieht Trump darin vor allem die Gelegenheit, ihn auszupressen. An dieser Stelle wird die Plünderung global, denn die Ordnung, die Trump aufbraucht, haben die USA nach 1945 selbst aufgebaut, und die meisten anderen Staaten haben sich auf sie verlassen.
7. Amt, Marke und Familiengeschäft
Trump ist Präsident, Medienfigur und Markeninhaber und zugleich Nutzniesser eines weitverzweigten Familienunternehmens. Politische Macht, öffentliche Aufmerksamkeit und privates Geschäft fliessen dabei ineinander, und das Präsidentenamt wird selbst zu einer Plattform, mit der sich Geld verdienen lässt. Drei Tage vor seiner Amtseinführung brachte Trump eine eigene Kryptowährung auf den Markt und lud später die grössten Käufer zu einem Abendessen ein. Seine Familie verdient an einem Kryptounternehmen, dessen Digitalwährung eine staatlich gestützte Investmentgesellschaft aus Abu Dhabi für eine Milliardeninvestition nutzte, und von Katar nahm seine Regierung einen Luxusjet als Geschenk an, der später an seine Präsidentenbibliothek gehen soll.
Damit erreicht der Raubbau das Amt selbst. Abgeschöpft werden auch sein Ansehen, seine Glaubwürdigkeit und seine Reichweite, also öffentliche Güter, die in privaten Wert umgewandelt werden.
8. Blind für alles, was keinen Preis hat
Trump und sein engstes Umfeld sind bereit, zentrale strategische Positionen für die blosse Aussicht auf Geschäfte herzugeben. Am deutlichsten zeigt sich das beim Krieg in der Ukraine, wo die Sicherheit Europas, die Glaubwürdigkeit amerikanischer Zusagen und der Zusammenhalt des Westens auf dem Spiel stehen. Im August 2025 empfing Trump Putin in Alaska auf dem roten Teppich, ohne dass Russland dafür etwas zugestanden hätte. Anfang September 2026, zwei Monate vor den Kongresswahlen, reisten Jared Kushner und Steve Witkoff, zwei Geschäftsleute aus der Immobilienbranche ohne diplomatische Ausbildung, zuerst zu drei Stunden Gespräch und einem Abendessen mit Putin in den Kreml und erst am Tag danach nach Kiew. Zu ihren wichtigsten russischen Gesprächspartnern gehört Kirill Dmitrijew, der Chef des staatlichen russischen Investitionsfonds, und in diesen Gesprächen tauchen neben dem Frieden regelmässig Rohstoffe und künftige Geschäfte mit Russland auf. Ein Abkommen vor den Wahlen wäre für Trump ein Erfolg, den er vorzeigen könnte, und diese Eile kann Putin für sich nutzen.
Solche Positionen erscheinen in keiner Bilanz. Sie bestehen aus Vertrauen, aus Abschreckung und aus dem Wissen der Gegner, dass eine Grossmacht zu ihrem Wort steht, und sie sind über Jahrzehnte aufgebaut worden. Trump misst ihnen keinen Wert bei, weil sich dieser Wert in keinem Geschäftsabschluss zeigt, und gegenüber allem, was sich nicht beziffern lässt, ist er wie blind.
Das macht ihn in hohem Mass manipulierbar. Ein Gegenüber, das ihm einen Gewinn in Aussicht stellt, kann ihn dazu bringen, etwas herzugeben, dessen Bedeutung er nicht erkennt, und Machthaber wie Putin haben das offensichtlich verstanden. Der Raubbau trifft hier einen Bestand, der sich kaum wiederherstellen lässt, denn wenn Verbündete und Gegner einmal gelernt haben, dass amerikanische Zusagen käuflich sind, wird auch ein späterer Präsident dieses Vertrauen nicht rasch zurückgewinnen.
Warum gerade Trump?
Den Raubbaukapitalismus gab es vor Trump, und es wird ihn auch nach ihm geben. Trump gibt dieser Logik aber ein Gesicht und tut offen, was früher verdeckt geschah oder von Institutionen gebremst wurde. Damit verschiebt er, was als normal gilt, weil Rücksichtslosigkeit bei ihm wie Stärke aussieht, und aus dem Raubbau ist eine politische Haltung geworden, mit der sich Millionen Menschen identifizieren.
Das heisst nicht, dass jeder Kapitalismus zwangsläufig bei Trump endet. Mit Gesetzen, Wettbewerb, Steuern, Umweltregeln und demokratischer Kontrolle lässt er sich einhegen, und dann kann er Neues hervorbringen und Wohlstand schaffen. Trump steht für eine enthemmte Spielart, die ihre eigenen Voraussetzungen nicht mehr erhält, sondern verwertet.
Transformation oder Plünderung
Jedes Wirtschaftssystem lebt von Beständen, die es nicht rasch selbst herstellen kann. Werden Natur, Vertrauen, Wissen, Institutionen und Zusammenarbeit schneller verbraucht, als sie nachwachsen, dann verändert sich zwar vieles, doch mit Transformation hat das nichts mehr zu tun, es ist eine Wirtschaft der Plünderung.
Die Aufgaben, vor denen die Welt steht, verlangen das Gegenteil. Den Klimawandel bremsen, Kriege beenden, Seuchen eindämmen und die Wirtschaft auf Kreisläufe umbauen kann kein Staat allein. Dafür braucht es Staaten, die einander trauen, Behörden, die etwas können, gesichertes Wissen und eine Natur, die noch Reserven hat. Eine echte Transformation würde neue Technik und neue Geschäftsmodelle hervorbringen und dabei diese Grundlagen erhalten und erneuern.
Trump verbraucht sie in dem Moment, in dem sie am dringendsten gebraucht werden. Was er an Vertrauen, Können und Natur aufzehrt, fehlt der Welt, wenn die nächste Krise kommt, und es wird Jahrzehnte dauern, es wieder aufzubauen, auch lange nachdem er aus dem Amt ist.
Trump ist blind für alles, was keinen Preis hat, gierig nach allem, was sich zu Geld und Macht machen lässt, und verantwortungslos gegenüber allen, die nach ihm die Rechnung bezahlen müssen. Für einen Deal gibt er her, was sich mit keinem Deal zurückkaufen lässt.
Hinweise und Quellen
- The White House: Establishing the National Energy Dominance Council, Executive Order 14213 vom 14. Februar 2025.
- The White House: Implementing the President's «Department of Government Efficiency» Workforce Optimization Initiative, Executive Order 14210 vom 11. Februar 2025.
- Federal Register: Presidential Documents — Donald Trump, Executive Orders 2025.
- Reuters: Trump's business ventures spark new conflict-of-interest concerns, 4. März 2025.
- Brennan Center for Justice: Uncovering Conflicts of Interest and Self-Dealing in the Executive Branch, 19. Februar 2025.
- CNN: Witkoff confident of «good resolution» after Kyiv meeting, as US pushes for trilateral talks with Russia, 6. September 2026.
Das ist ein Diskussionspapier und keine abgeschlossene Analyse.
Am nützlichsten ist Widerspruch an der Deutung: ein Bestand, der entgegen der These nachwächst, oder eine Entwicklung, die sich mit dem Muster nicht erklären lässt. Den Text gibt es auf Wunsch auch als PDF.
Georg O. Herriger, «Der erste globale Plünderungspräsident», 2026. Weitergabe und Bearbeitung unter CC BY 4.0, mit Nennung von Autor und Quelle.